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AQL berechnen: Schritt-für-Schritt-Anleitung für die Praxis

AQL berechnen: Schritt-für-Schritt-Anleitung für die Praxis

Sie stehen vor einer Lieferung mit 3.500 Teilen und müssen entscheiden: Wie viele Teile prüfen Sie? Und ab wie vielen Fehlern weisen Sie die Lieferung zurück? Genau diese Fragen beantwortet das AQL-Verfahren nach ISO 2859-1 — systematisch, reproduzierbar und rechtssicher.

Diese Anleitung führt Sie Schritt für Schritt durch die Berechnung, erklärt die zugrundeliegenden Tabellen und zeigt ein vollständiges Rechenbeispiel.

Was bedeutet AQL?

AQL steht für Acceptable Quality Limit (früher: Acceptable Quality Level) — auf Deutsch: akzeptables Qualitätsniveau. Der AQL-Wert gibt an, wie viel Prozent fehlerhafte Teile in einer Lieferung im Langzeitdurchschnitt noch akzeptiert werden.

Wichtig: AQL ist kein Grenzwert für eine einzelne Lieferung, sondern ein statistischer Qualitätsprozess über viele Lieferungen hinweg.

Typische AQL-Werte:

  • 0,065 – 0,25 → Kritische Merkmale (Sicherheit, Funktion)
  • 0,65 – 1,0 → Hauptmerkmale (Hauptfehler)
  • 2,5 – 4,0 → Nebenmerkmale (Nebenfehler)

Die drei Eingangswerte

Für die AQL-Berechnung benötigen Sie genau drei Angaben:

| Eingabe | Bedeutung | Beispiel | |---------|-----------|---------| | Losgröße N | Gesamtanzahl der gelieferten Teile | 3.500 Stück | | Prüfniveau | Statistisches Sicherheitsniveau | II (Standard) | | AQL-Wert | Akzeptierter Fehleranteil | 1,0 |

Das Prüfniveau II ist der internationale Standard. Nur bei sehr kleinen oder sehr teuren Teilen wählen Sie Niveau I (weniger streng) oder Niveau III (strenger).

Schritt 1: Kennbuchstaben ermitteln (Tabelle I)

Der erste Schritt führt zur sogenannten Tabelle I der ISO 2859-1. Dort lesen Sie anhand der Losgröße und des Prüfniveaus einen Kennbuchstaben ab.

Tabelle I (Auszug, Prüfniveau II):

| Losgröße | Kennbuchstabe | |----------|---------------| | 2 – 8 | A | | 9 – 15 | B | | 16 – 25 | C | | 26 – 50 | D | | 51 – 90 | E | | 91 – 150 | F | | 151 – 280 | G | | 281 – 500 | H | | 501 – 1.200 | J | | 1.201 – 3.200 | K | | 3.201 – 10.000 | L | | 10.001 – 35.000 | M | | 35.001 – 150.000 | N |

Für unsere 3.500 Teile: Kennbuchstabe L

Schritt 2: Stichprobengröße und Prüfzahlen ablesen (Tabelle II-A)

Mit dem Kennbuchstaben L suchen Sie nun in der Tabelle II-A (normale Prüfschärfe). Dort finden Sie für den AQL-Wert 1,0:

| Kennbuchstabe | Stichprobengröße | Annahmezahl (Ac) | Rückweisezahl (Re) | |---------------|-----------------|-----------------|-------------------| | L | 200 | 5 | 6 |

Das Ergebnis für unser Beispiel:

  • n = 200 Teile prüfen
  • Ac = 5 → bis zu 5 fehlerhafte Teile → Lieferung annehmen
  • Re = 6 → ab 6 fehlerhafte Teile → Lieferung zurückweisen

Schritt 3: Prüfung durchführen und auswerten

Jetzt prüfen Sie die 200 zufällig ausgewählten Teile. Das Ergebnis:

  • 0–5 fehlerhafte Teile → Lieferung annehmen
  • 6+ fehlerhafte Teile → Lieferung zurückweisen

Wichtig: Die Stichprobe muss zufällig aus der Gesamtmenge gezogen werden — nicht nur die obersten Kartons oder die leicht zugänglichen Teile.

Vollständiges Rechenbeispiel

Ausgangssituation: Ein Maschinenbauer erhält eine Lieferung Getriebegehäuse:

  • Losgröße: 3.500 Stück
  • Prüfniveau: II (Standard)
  • AQL: 1,0 (Hauptmerkmal: Maßhaltigkeit)

Berechnung:

  1. Tabelle I → Losgröße 3.501–10.000, Prüfniveau II → Kennbuchstabe L
  2. Tabelle II-A → Kennbuchstabe L, AQL 1,0 → n=200, Ac=5, Re=6
  3. Zufällige Auswahl von 200 Gehäusen aus der Lieferung
  4. Prüfung: 3 Teile außer Toleranz
  5. 3 < Ac=5 → Lieferung annehmen

Prüfschärfewechsel: Normal, verschärft, reduziert

Die ISO 2859-1 kennt drei Prüfschärfen, zwischen denen automatisch gewechselt wird:

Normale Prüfung (Tabelle II-A): Standardfall bei neuen Lieferanten oder nach Unterbrechung.

Verschärfte Prüfung (Tabelle II-B): Wird aktiviert, wenn von 5 aufeinanderfolgenden Losen 2 oder mehr zurückgewiesen wurden. Die Stichprobengröße bleibt gleich, aber Annahme- und Rückweisezahlen werden strenger.

Reduzierte Prüfung (Tabelle II-C): Wird aktiviert, wenn 10 aufeinanderfolgende Lose ohne Probleme angenommen wurden und die Produktion stabil läuft. Kleinere Stichproben möglich.

Der Wechsel zwischen den Prüfschärfen muss dokumentiert werden — bei Audits (ISO 9001, IATF 16949) ist das Pflicht.

Typische Fehler bei der AQL-Berechnung

Fehler 1: Falsches Prüfniveau

Viele Anwender verwenden immer Prüfniveau II, auch wenn vertraglich etwas anderes vereinbart ist. Prüfen Sie die Vereinbarung mit Ihrem Kunden.

Fehler 2: Unterschiedliche AQL-Werte für Fehlerarten

Professionelle Prüfplanung unterscheidet:

  • AQL 0,25 für kritische Fehler (z. B. Sicherheitsrelevanz)
  • AQL 1,0 für Hauptfehler (z. B. Maßhaltigkeit)
  • AQL 4,0 für Nebenfehler (z. B. optische Mängel)

Eine einzelne Prüfung kann also mehrere AQL-Werte haben — mit entsprechend unterschiedlichen Stichprobengrößen.

Fehler 3: Keine Zufallsstichprobe

Eine Stichprobe, die nur aus dem ersten Paket oder von oben in der Palette genommen wird, ist keine echte Zufallsstichprobe und verzerrt das Ergebnis erheblich.

Fehler 4: Fehlende Dokumentation

Ohne Prüfprotokoll kann im Streitfall nicht nachgewiesen werden, dass korrekt geprüft wurde. Jede AQL-Prüfung braucht: Datum, Losgröße, Kennbuchstabe, Prüfschärfe, Stichprobengröße, gefundene Fehler, Entscheidung.

AQL-Wert vs. Tatsächlicher Fehleranteil

Ein häufiges Missverständnis: AQL 1,0 bedeutet nicht, dass 1% fehlerhafte Teile in Ordnung sind. Es bedeutet, dass ein Lieferant mit einem Langzeitfehleranteil von 1,0% zu etwa 95% akzeptiert wird.

Ein Lieferant mit 2% Fehleranteil wird bei AQL 1,0 in etwa 50% der Fälle zurückgewiesen. Die genauen Wahrscheinlichkeiten sind in OC-Kurven (Operating Characteristic) dargestellt.

AQL-Berechnung ohne Excel-Tabellen

Bisher war die manuelle Tabellensuche der einzige Weg. Mit dem kostenlosen AQL-Rechner von StichprobenPilot geben Sie einfach Losgröße, Prüfniveau und AQL-Wert ein — und erhalten sofort n, Ac und Re.

Für die systematische Dokumentation über alle Lieferanten und Lieferungen hinweg bietet StichprobenPilot die komplette Software-Lösung: automatischer Prüfschärfewechsel, Prüfhistorie, Lieferantenbewertung.

Zusammenfassung

AQL berechnen in 3 Schritten:

  1. Tabelle I: Losgröße + Prüfniveau → Kennbuchstabe
  2. Tabelle II-A: Kennbuchstabe + AQL-Wert → n, Ac, Re
  3. Prüfen und entscheiden: Fehler ≤ Ac → Annehmen; Fehler ≥ Re → Zurückweisen

Die Berechnung ist einmal verstanden einfach — die Herausforderung liegt in der konsequenten Dokumentation und dem korrekten Prüfschärfewechsel über viele Lieferungen hinweg.

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