Prüfschärfewechsel nach ISO 2859-1: Normal, Verschärft, Reduziert
Prüfschärfewechsel nach ISO 2859-1: Normal, Verschärft, Reduziert
Ein häufig übersehener Aspekt der AQL-Prüfung: Die ISO 2859-1 kennt nicht nur eine Prüfschärfe, sondern drei — und schreibt vor, wann zwischen ihnen gewechselt werden muss. Wer immer mit normaler Prüfung arbeitet und nie wechselt, setzt die Norm nicht korrekt um.
Dieser Artikel erklärt die drei Prüfschärfen, die genauen Wechselregeln und warum der Prüfschärfewechsel für ISO 9001- und IATF-Audits relevant ist.
Die drei Prüfschärfen im Überblick
Die ISO 2859-1 definiert drei Prüfschärfen, die auf drei unterschiedlichen Tabellen basieren:
| Prüfschärfe | Tabelle | Anwendung | |-------------|---------|-----------| | Normal | II-A | Standardfall — wird bei Start und nach Rückkehr aus verschärfter Prüfung verwendet | | Verschärft | II-B | Bei Lieferanten mit schlechterer Qualitätshistorie | | Reduziert | II-C | Bei Lieferanten mit nachgewiesener stabiler Qualität |
Wichtig: Die Stichprobengröße ist bei normaler und verschärfter Prüfung identisch. Der Unterschied liegt in den Annahme- und Rückweisezahlen (Ac/Re). Bei reduzierter Prüfung ist die Stichprobengröße kleiner.
Normale Prüfung: Der Standardfall
Tabelle II-A ist der Ausgangspunkt. Sie wird verwendet:
- Beim Start der Zusammenarbeit mit einem neuen Lieferanten
- Nach dem Ende eines verschärften Prüfzeitraums
- Wenn keine ausreichende Historie für reduzierte Prüfung vorliegt
Beispiel Kennbuchstabe L, AQL 1,0 (normale Prüfung):
- n = 200
- Ac = 5
- Re = 6
Verschärfte Prüfung: Wann und wie
Wann wird verschärfte Prüfung aktiviert?
Der Wechsel von normal zu verschärft wird obligatorisch, wenn:
Von 5 aufeinanderfolgenden Losen wurden 2 oder mehr nicht angenommen (zurückgewiesen oder unter Vorbehalt akzeptiert).
Das ist die Grundregel. Einige Unternehmen definieren zusätzlich interne Trigger (z. B. nach einem einzelnen Los mit sehr hohem Fehleranteil).
Effekt der verschärften Prüfung
Bei verschärfter Prüfung (Tabelle II-B) sinkt die Annahmezahl:
| Kennbuchstabe | n | Ac (normal) | Ac (verschärft) | Re | |---------------|---|-------------|-----------------|-----| | L | 200 | 5 | 3 | 4 |
Das Los wird also strenger beurteilt — mit denselben 200 geprüften Teilen werden mehr Lieferungen zurückgewiesen.
Wann endet verschärfte Prüfung?
Der Wechsel von verschärft zurück zu normal erfolgt, wenn:
5 aufeinanderfolgende Lose wurden bei verschärfter Prüfung angenommen.
Erst dann kehrt man zu Tabelle II-A zurück.
Lieferstopp bei anhaltend schlechter Qualität
Wenn bei verschärfter Prüfung 5 weitere Lose zurückgewiesen werden (also insgesamt 7+ Zurückweisungen in kurzer Zeit), schreibt die Norm eine Unterbrechung der Abnahme vor. Die Lieferfähigkeit des Lieferanten muss offiziell überprüft werden, bevor die Prüfung fortgesetzt wird.
Reduzierte Prüfung: Weniger Aufwand für gute Lieferanten
Wann ist reduzierte Prüfung möglich?
Die Norm nennt vier Voraussetzungen, die alle gleichzeitig erfüllt sein müssen:
- 10 aufeinanderfolgende Lose wurden bei normaler Prüfung angenommen
- Gesamtanzahl der gefundenen Fehler liegt unter einem bestimmten Grenzwert (aus Tabelle VIII der Norm)
- Die Produktion ist stabil (keine außergewöhnlichen Ereignisse)
- Die zuständige Behörde oder Qualitätsabteilung genehmigt die Umstellung
In der Praxis bedeutet das: Reduzierte Prüfung ist eine bewusste Entscheidung, nicht ein automatischer Wechsel.
Vorteile der reduzierten Prüfung
Bei Tabelle II-C ist die Stichprobengröße kleiner:
| Kennbuchstabe | n (normal) | n (reduziert) | Ac (reduziert) | Re (reduziert) | |---------------|-----------|---------------|----------------|----------------| | L | 200 | 80 | 2 | 5 |
Statt 200 Teile prüfen Sie nur noch 80 — bei gleicher Losgröße. Das spart erheblich Zeit und Kosten.
Besonderheit bei reduzierter Prüfung: "Re-Übergangszone"
Bei reduzierter Prüfung gibt es eine Besonderheit: Wenn das Prüfergebnis zwischen Ac und Re liegt (z. B. Ac=2, Re=5, gefundene Fehler=3 oder 4), wird das Los zwar angenommen, aber automatisch zur normalen Prüfung zurückgekehrt.
Wann endet reduzierte Prüfung?
Rückkehr zu normaler Prüfung erfolgt, wenn:
- Ein Los zurückgewiesen wird
- Das Ergebnis in der Übergangszone liegt (Ac < Fehler < Re)
- Die Produktion instabil wird
- Andere Umstände normale Prüfung erfordern
Der Entscheidungsbaum
START: Neue Lieferantenbeziehung
↓
NORMALE PRÜFUNG (Tabelle II-A)
/ \
2+ von 5 Losen 10 Lose in Folge
zurückgewiesen? angenommen?
↓ ↓
VERSCHÄRFTE PRÜFUNG REDUZIERTE PRÜFUNG
(Tabelle II-B) (Tabelle II-C)
| |
5 Lose in Folge Zurückweisung oder
angenommen? Übergangszone?
↓ ↓
NORMALE PRÜFUNG NORMALE PRÜFUNG
Dokumentationspflicht
Der Prüfschärfewechsel muss lückenlos dokumentiert werden. Bei ISO 9001- und IATF 16949-Audits wird geprüft, ob:
- Der aktuelle Prüfschärfestatus für jeden Lieferanten bekannt ist
- Wechsel nachvollziehbar begründet sind
- Die Lieferantenhistorie vollständig vorliegt
Ein typisches Prüfprotokoll enthält:
- Datum und Losnummer
- Losgröße und Stichprobengröße
- Aktuelle Prüfschärfe
- Gefundene Fehler je Fehlerart
- Entscheidung (Annehmen/Zurückweisen)
- Prüfschärfewechsel (falls erfolgt) mit Begründung
Prüfschärfewechsel in der Praxis: Häufige Probleme
Problem 1: Manuelles Tracking in Excel
Der häufigste Fehler: In Excel-Tabellen geht die Prüfhistorie oft verloren, Wechsel werden vergessen oder falsch berechnet. Besonders wenn mehrere Prüfer beteiligt sind.
Problem 2: Fehlende Fehlerart-Differenzierung
Der Prüfschärfewechsel gilt je AQL-Wert. Wenn ein Lieferant für kritische Merkmale (AQL 0,25) und Hauptmerkmale (AQL 1,0) separat bewertet wird, kann er bei einem Merkmal verschärft und beim anderen reduziert geprüft werden.
Problem 3: Keine Systemdokumentation bei Lieferantenwechsel
Wenn ein Lieferant seine Produktion auf einen anderen Standort verlagert, beginnt der Prüfschärfezyklus formal neu — auch wenn der Name des Lieferanten gleich bleibt.
Automatischer Prüfschärfewechsel mit Software
Mit einer AQL-Software wie StichprobenPilot erfolgt der Prüfschärfewechsel automatisch:
- Das System erkennt, wann die Wechselbedingungen erfüllt sind
- Der Prüfer wird auf den neuen Prüfschärfestatus hingewiesen
- Jeder Wechsel wird automatisch in der Prüfhistorie dokumentiert
- Auswertungen zeigen den aktuellen Status aller Lieferanten auf einen Blick
Das spart nicht nur Zeit, sondern eliminiert auch das Risiko menschlicher Fehler — besonders wichtig bei Audits.
Zusammenfassung
Der Prüfschärfewechsel nach ISO 2859-1 ist kein optionales Feature, sondern Normvorschrift. Die drei Regeln:
- Normal → Verschärft: 2+ von 5 aufeinanderfolgenden Losen zurückgewiesen
- Verschärft → Normal: 5 aufeinanderfolgende Lose bei verschärfter Prüfung angenommen
- Normal → Reduziert: 10 aufeinanderfolgende Lose angenommen + stabile Produktion + Freigabe
Wer den Prüfschärfewechsel konsequent umsetzt und dokumentiert, hat nicht nur eine rechtssichere Wareneingangsprüfung, sondern auch eine belastbare Grundlage für die Lieferantenentwicklung.
Mit StichprobenPilot den AQL-Workflow automatisieren
Kostenlos starten — kein Excel mehrKeine Kreditkarte nötig
Verwandte Artikel
AQL Tabelle nach ISO 2859-1: Erklärung, Stichprobenumfang und Annahmezahl
Was ist die AQL-Tabelle und wie liest man sie richtig? Stichprobenumfang, Kennbuchstaben, Annahmezahl und Rückweisezahl praxisnah erklärt.
AQL berechnen: Schritt-für-Schritt-Anleitung für die Praxis
Wie berechnet man AQL nach ISO 2859-1? Diese Anleitung erklärt Kennbuchstabe, Stichprobengröße und Annahme/Rückweisezahl — mit konkretem Rechenbeispiel.
Stichprobenprüfung im Wareneingang: So wird es richtig gemacht (mit Beispiel)
Ablauf der Wareneingangsprüfung nach ISO 2859-1 — mit Praxisbeispiel: Los mit 500 Teilen, AQL 2.5. Was ins Prüfprotokoll muss und wie man Fehler vermeidet.